Stephan R. Bellem

Stand der Dinge

Das hier ist ein lange überfälliges Update. Zum Schreibfortschritt, mir – irgendwie bin ich euch das schuldig. 2020 verläuft ja alles andere als gewöhnlich. Oder optimal. Oder … gut?
Es ist ein beschissenes Jahr.
Dabei will ich gar nicht in die ganzen »dieses Jahr ist die Apokalypse und das nachgefeierte 2012. blabla« einstimmen. Ich selbst kann mich auch nicht wirklich beschweren. Klar, besser ginge immer – aber mir geht es nicht schlecht. Im Gegenteil!
Überall stehen Kulturschaffende vor dem Nichts und wissen oft nicht, wie die Auftragslage in ein paar Monaten oder sogar Wochen aussehen kann. Theater werden geschlossen – einige (womöglich gar viele) davon werden nicht mehr öffnen. Das Veranstaltungsgewerbe hat den Eisberg gerammt, aber es gibt keine Autolobby, die es wirklich retten will.
Social Distancing, Klimawandel (solltet ihr den anzweifeln, bin ich vielleicht nicht der richtige Autor für euch ;) ) – all das drückt aufs Gemüt. Bei uns allen.
Ich weiß, ich bin hier keine Ausnahme.
Als introvertierter, leicht misanthroper Mensch sollte doch für mich auch alles tutti sein, nicht wahr?

Aber irgendwie … 2020 hat das Gefühl in mir eingepflanzt, dass wir es als Gesamtheit – eben als Menschheit – nicht packen. Menschen möchten lieber ihre Ängste mit billiger Propaganda bekämpfen, als sich dem echten Problem zu stellen. Und klar, zu glauben, dass COVID-19 eine Erfindung der Machtelite ist, damit wir gechippt werden, um dann hochgeladen zu werden, um ewig zu leben, um ewig zu konsumieren, damit die anderen, die nicht ewig leben können, weiterhin Kinderblut trinken können, um länger zu leben und dann so frisch auszusehen wie Bill Gates – das klingt so viel logischer, als dass es eine bisher unbekannte Krankheit ist, die durch den Eingriff des Menschen ins Ökosystem den Sprung auf die Menschheit geschafft hat.
(Ich weiß auch nicht genau, woher das Virus kommt, ob es aus dem Labor kam, aus dem Urwald – es ist mir auch ehrlich scheißegal. Es ist hier, es tötet und wir haben noch kein Heilmittel. Mehr muss ich nicht wissen. Weil ich KEIN FUCKING Virologe bin! Aber genau darum höre ich auf das, was AUSGEWIESENE EXPERTEN in dem Gebiet zu sagen haben. So läuft das mit der Arbeitsteilung. Drosten erzählt auch keinem Mechaniker, wie er das Auto zusammenschrauben soll. Und er schreibt vermutlich kein Kochbuch …)
Aber dieses »Eingriff des Menschen« – da steckt ja sowas wie eine Schuldzuweisung drin. Plötzlich müssten wir uns auch überlegen, dass wir vielleicht mit verantwortlich sind, wenn für billiges Palmöl immer mehr Regenwald abgeholzt wird, wir dadurch mit immer mehr kaum erforschten Tierarten in Kontakt kommen und dann Viren (Merksatz: Viren mutieren) begegnen, die unser Immunsystem eben nicht auf der Rechnung hat.
Das ist wie mit dem Klimawandel. Wenn man nur immer schön »aber der da macht XYZ« sagen kann, muss man selbst nichts tun, sich nicht hinterfragen und – vor allem – nichts ändern.
Ist doch schön, eine Welt, in der ich mich selbst nie auf den Prüfstand stellen muss, weil ein Selbstbräunerabhängiger so viel mehr Schindluder treibt. Oder eben ein Verkehrsminister Scheuer im Amt ist. Oder, oder, oder – es gibt so unglaublich viele Beispiele. Was ist da schon diese EINE Kreuzfahrt? Einschränkungen sind nur geil, wenn andere sie bei sich vornehmen. Dann bleibt ja auch viel mehr für mich! Für jeden »linksgrünversifften« Weltretter kann ich mit meinem SUV ne Extrarunde auf der Autobahn drehen. Geil!

Und dieses Gefühl, das im Hinterkopf an mir nagt, dass – egal was ich mache – ich »uns« nicht retten kann. Das zieht mich so runter. Dummheit zieht mich runter. Und dieser Tage sieht man davon so unendlich viel auf allen Kanälen.
Und mir ist durchaus bewusst, dass dieser Gedanke, dass ICH irgendwas oder -wen »retten« könnte – müsste – ist schon ganz tief im Bereich des Narzissmus. :D
Ich würde gerne über mein neues Buch mit euch reden, mich darauf freuen – aber Fakt ist, ich werde zum ersten Mal in meiner Laufbahn als Schriftsteller einen Abgabetermin reißen. Und ich weiß nicht, ob ich ihn nur knapp verfehle und das Buch dann mit viel Kraftaufwand von allen Beteiligten im Verlag, noch rechtzeitig erscheint, oder ob ich ihn spektakulär verkacke und das Buch erst im Januar erscheinen kann.
Und ich frage mich, ob das überhaupt eine Rolle spielt.
Ich meine – was für einen Beitrag leiste ich schon? Es gibt so viele Bücher, wer braucht da eins mehr?
Und wie egoistisch ist es bitteschön, dass ich meine Zeit mit Schreiben »verplämper«, wo ich sie doch besser nutzen könnte? Freiwillige Arbeit in der Kommune. Irgendeine Spendensammlung. Ein Hilfsprojekt – eben IRGENDWAS, das der Menschheit nützt und nicht nur meinem Wunsch nach Selbstverwirklichung?
Und da komme ich wieder zur Arbeitsteilung. Ich mache das, was ich am besten kann. Was ich liebe. Und ich hoffe, dass ich Menschen mit meiner Arbeit berühre, sie zum Denken anrege, Gefühle in ihnen wecke.
Aber ich kann nicht verhindern, dass sich das im Moment wie eine billige Ausrede anfühlt, nicht »mehr« zu tun.

Gruß
Stephan

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