Stephan R. Bellem

Die 10er. Von Ernüchterung, Aufgabe und Hoffnung.

Der geschätzte Kollege Löffler hat in seinem sehr empfehlenswerten Blog (seine Postingfrequenz liegt etwas über meiner) einen kleinen Dekadenrückblick veröffentlicht.
Und da man gute Ideen kopieren soll, mache ich das doch direkt auch einmal, denn rückblickend war wirklich viel los.

Die Dekade fing wahnsinnig gut an. »Bluttrinker« (mittlerweile unter dem Titel »Lichtweber« wieder erhältlich) war mein erster Roman, der bei einem großen Verlag erschien. Das eigene Buch als Auslegware in jeder Buchhandlung zu sehen, war überwältigend.
So muss sich Ryan Reynolds gefühlt haben, als er die Rolle in »Green Lantern« bekam …
Die Verkaufszahlen waren toll, es wurden direkt Verträge über weitere Projekte gemacht. Man hat mich immer unterstützt, mir kreative Freiheiten gelassen. So konnte ich mich von High und Urban Fantasy hin zur Dystopie austoben. Das Dasein war bunt und granatenstark.
Bis die Remissionen kamen.
So muss sich Ryan Reynolds gefühlt haben, als er das Drehbuch zu »Green Lantern« las …

Nach »Welt aus Staub« war die naive Traumblase »vom Schreiben leben können« an der harten Mauer der Realität für 99% der Kunst- und Kulturschaffenden zerplatzt. Ich weiß noch, dass ich damals unglaublich verbittert war.
Und pleite.
Also habe ich das getan, was viele Kollegen tun (müssen). Ich habe mir einen Brotjob gesucht. Nachdem man mich bei Apple (rückblickend: zum Glück) mit den Worten ablehnte »du hast einmal gesagt, dass du gerne schreibst, wir sind uns nicht sicher, ob du zu 100% für Apple brennst« (es ging hier nicht um die Firmenleitung, wie man jetzt vermutet, sondern einen Job im Verkauf), landete ich im Kundenservice eines großen deutschen Onlinehändlers.
Dort wurde ich gefördert, stieg rasch in den Abteilungen auf, bis ich Mitte der Dekade die Leitung über 20+ Personen hatte. Ziemlich krass.

Ans Schreiben dachte ich nur noch sporadisch. Mit Romanen war ich fertig. Absolut fertig.
Und die Welt war großartig! Ich habe meine Frau kennengelernt, ihr den schlechtestes Antrag aller Zeiten gemacht, zu dem sie dennoch »Ja« gesagt hat. Bei unserer Hochzeit waren Freunde und Familie da, es gab Karaoke – das volle Programm. Ich hatte eine Karriere vor Augen und Menschen um mich herum, mit denen ich sie genießen konnte.

Bis … tja, bis mein Vater starb. Die 10er Jahre markieren für mich den Zeitraum, in dem das Leben anfing, mir wirklich Dinge wegzunehmen. Viele.
Und der Tod brachte eine Veränderung in mir. Ich war zu jener Zeit knapp halb so alt wie mein Vater, daher setzte eine kleine Midlife-Crisis ein. Schlechtes Timing, wenn man gerade frisch verheiratet ist, also keinen Bedarf an Geliebten hat, und zu arm für das Porsche Cabrio.
Was blieb also übrig?

Ich musste mich mit mir beschäftigen. Mit meinen Wünschen, Zielen, Träumen.
Mit Träumen, die ich eigentlich begraben glaubte.

Mir wurde klar, dass ich zum Glücklichsein mehr als Geld brauche.
Nicht falsch verstehen, ich brauche zum Glücklichsein auch Geld, keine Frage. Aber die wirklich wichtigen Dinge sind meine Frau, unsere Familie, Freunde …
Es ist ein Abend, den Nina und ich gemeinsam auf der Couch verbringen. Zusammen in eine Decke eingekuschelt und wir schauen uns an, wie Hans Gruber vom Nakatomi Tower stürzt.
Es sind gemeinsame Frühstücke mit Freunden, bei denen wir hemmungslos schlemmen und lachen, abgeeken und einfach ausblenden, dass die Welt noch nicht perfekt ist, weil wir in unserer geschützten Blase offen und rücksichtsvoll miteinander umgehen und jeder so sein kann, wie er ist.

Aber zum Glücklichsein gehörte für mich auch immer das Geschichtenerzählen.
Und nachdem ich das erkannt hatte, machte ich einen Plan.
Ausgestattet mit all der Erfahrung – immerhin hatte ich meinen großen Rückschlag ja schon – machte ich mich wieder an die Arbeit.
Ich überlegte, welche Dinge im Umfeld »Buch« mir denn noch Spaß machen würden.
Ich hatte früher schon hin und wieder lektoriert. Die Arbeit macht mir tatsächlich großen Spaß, also habe ich das über die letzten Jahre ausgebaut. Klingt so einfach, aber in Wahrheit war das unglaublich oft großes Glück.
Ich habe wieder geschrieben. Auch wenn mein Vater diese Bücher nie mehr lesen wird, gefällt mir der Gedanke, dass er von irgendwo auf mich runter blickt und sich freut, dass ich wieder meiner Berufung nachgehe.

Wobei diese Rückkehr zum Schreiben keine leichte war. Das Scheitern machte den Weg für ein Gefühl der Ablehnung in mir frei. Die ersten Seiten schrieb ich immer gegen die Überzeugung an, dass niemand lesen will, was ich zu erzählen habe.
Das Wort »Versager« wird recht laut im eigenen Kopf. Und ist dieses Etikett erst einmal da, wird man es schwer wieder los.
Denn wie definiert man das Nicht-Versagen? Ab wann darf man sich den Makel wieder abwaschen? Muss man einen Bestseller schreiben, der die vergangenen Flops aus den (vornehmlich dem eigenen) Köpfen fegt? Reicht es, ein Buch zu veröffentlichen, das gute Kritiken bekommt?
Und was, wenn man nur eine schlechte Rezension kassiert? Hatten dann damals nicht alle Recht, die einem durch den Nichtkauf quasi davon abgeraten haben, zu schreiben?

Viele schwere Gedanken. Eine eingebildete Hypothek, mit der man schwer wieder an die Arbeit gehen kann.
Einbildung war auch der Schlüssel.
All diese Ängste, all diese Hürden waren selbst gemacht.
Ich hatte vor allem Angst, es noch einmal zu versuchen. Noch einmal zu träumen.
Aber ich habe nicht aufgegeben.
Was auch zum großen Teil der heutigen Jungautoren-Szene geschuldet ist. Im
Drachenmond Verlag tummeln sich so viele begabte Autorinnen und Autoren, alle voller Elan und Spaß an der Sache.
Und die haben mich einfach mitgerissen.

Fünf Jahre Schreibpause innerhalb der letzten Dekade waren irgendwie auch eine Zeit der Selbstfindung.
Ich weiß heute, wer ich bin.
Und ich bin an einem Punkt in meinem Leben angekommen, an den ich mich zu Beginn der Dekade so gerne gesehen hätte.
Ich arbeite zuhause und muss dafür nicht einmal Hosen tragen, wenn ich nicht möchte!
Ernsthaft. Kein Kleiderzwang.

Okay, wirklich ernst: Es ist die Mischung. Vom Schreiben allein könnte ich nicht leben. Aber Schreiben und Lektorieren klappt ganz gut.
Und mit »Die Seele des Wächters« und »Ruf der Rusalka« habe ich zwei Bücher veröffentlicht, auf die ich nicht stolzer sein könnte.
Vielleicht habe ich diese kleine Auszeit in der Realität gebraucht, um mir einen neuen, besseren Traum auszumalen.

Die 20er werden … keine Ahnung, aber ich bin neugierig. Ja, die Welt ist bekloppt. Alte Machteliten, die sich an Jugendlichen aufreiben, der Faschismus, der sich als bürgerliche Mitte tarnen will und das Klima, das uns sagt, dass wir als Gesamtheit nicht mehr länger anschreiben dürfen.
Dazu ein paar Narben mehr, die mir eindrucksvoll zeigen, dass ich nicht unverwundbar bin, nicht weiterhin so nachlässig mit mir selbst umgehen darf. Aber auch gleichzeitig die Gewissheit, dass ich noch sehr viele Weichen selbst stellen kann.
Ich liebe meine Frau.
Genieße meine Arbeit.
Vielleicht kriegen wir dieses Jahr einen Hund.
Und im Herbst soll ein neuer Roman erscheinen.

Das klingt gar nicht so verkehrt.

Grüße
Stephan


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