Stephan R. Bellem

Vom Druck, immer zu MÜSSEN

»Wenn ich heute Abend nach Hause komme, muss ich noch Szene X schreiben.« Oder: »Kurz die Wäsche machen, dann wieder schreiben. Warum hast du heute nicht mehr geschrieben?«
Was sagen uns diese Sätze, außer dass ich auch die Wäsche mache? ;)
Kennt ihr diese Momente auch?
Diese Momente, in denen man sich Druck macht, dass man wieder nichts geschafft hat.
Und warum auch nicht? Zeitschriften, Selbsthilfebücher und Werbung überschütten uns doch immer mit Patentrezepten, wie wir nebenbei produktiver werden, unseren Alltag richtig »durchstylen«, keine seltsamen Lücken mehr in Lebens- und Tagesablauf haben, damit wir endlich so erfolgreich werden wie wir es uns immer erträumt haben.
Denn wir haben es uns verdient! Und mit weniger geben wir uns nicht zufrieden.

Wie, du hast gerade einen Auflauf im Ofen? Dann kannst du in den 40 Minuten doch locker noch aufräumen, währenddessen per Bluetooth-Headset die nächsten Szenen in dein Smartphone diktieren. Am besten zeichnest du das auch direkt noch als Instagram-Story auf.
Vor dem Essen das Bild hochladen, während des Kauens schon Notizen machen und die Szenen arrangieren. Oh, die Wäsche ist fertig, na dann mal los! In der nächsten Pomodoro-Pause hängst du die schnell auf.
Bloß keinen Leerlauf!
Unter gar keinen Umständen.
Jeder von uns muss immer und überall produktiv sein, denn nur so tragen wir schließlich zu dieser Gesellschaft bei. Müßiggang ist nicht gern gesehen, tztztz.

Mir geht es sehr oft so. Vor allem, da ich aktuell ja noch im Nebenjob schreibe. Abends frage ich mich dann immer, wo die Zeit hingerannt ist, vergesse dabei natürlich geflissentlich, dass ich schon acht Stunden Brotjob in den Knochen habe.
Und diese acht Stunden können an manchen Tagen enorm auslaugen. So sehr, dass das Sofa zu einem erdballgroßen Magneten für meinen Hintern wird.
Netflix – Berieselung – Ende.
Nach den ersten Minuten, die ich noch völlig betäubt bin, meldet sich eine kleine Stimme in meinem Kopf, die mich erstmal gepflegt niedermacht, warum ich denn nichts Wichtiges erledige.
Und auf den ersten Blick hat die Stimme ja durchaus einen Punkt: Wenn ich nicht schreibe, dann wird das Buch nie fertig. Wie soll sich was ändern, wenn ich mich nicht ändere? Usw.

Aber wie sieht es auf den zweiten Blick aus?
Auf den zweiten Blick muss man sich auch einfach mal eingestehen, dass die Akkus leer sind, dass man sein Pulver für den Tag (oder die Woche, wenn der Montag einen direkt so richtig abfuckt *g*) verschossen hat.
Und manchmal ist Nichtstun auch
genau das was euer Hirn gerade braucht. Manche meiner besten Ideen kamen mir in Momenten, in denen ich einfach mal nichts gemacht habe. Aber eben nur manche Ideen. Genauso hatte ich schon viele Ideen, wenn ich Sport mache, beim Geschirrspülen, auf dem Weg zur Arbeit – es gibt keine allgemeingültige Regel.
Was alle meine kreativen Momente aber gemeinsam haben, ist, dass ich entspannt war.
Wenn ich mich verkrampfe, dann verkrampft sich mein Hirn, knotet sich um die Panik, dass ich vorankommen muss, mit dem Ergebnis, dass ich absolut nichts mehr hinkriege.

eldritch_horror
Was soll euch das nun sagen?
Macht euch nicht so einen Druck!
Ihr müsst eben
nicht in jeder Minute produktiv sein.
Genau darum haben meine Frau und ich heute den Nachmittag mit einer Runde
Eldritch Horror verbracht. Die Alten an der Vernichtung der Welt zu hindern, ist ideal dazu geeignet, die Akkus aufzuladen und die Seele baumeln zu lassen.
Am Ende durfte sich mein Charakter sogar heldenhaft für den Sieg opfern. Perfekt!

Also macht euch ruhig einen Plan, da spricht wirklich nichts dagegen. Findet eine Zeit, in der ihr gut schreiben könnt. Für mich funktioniert es vor dem Brotjob am besten.
Ein Ziel zu haben, ist gut. Ein realistisches Ziel zu haben, ist besser.
Ich sage nicht, dass es nicht sinnvoll ist, seinen Tagesablauf kritisch zu betrachten und sich zu fragen, ob man wirklich immer so viel Zeit mit Netflix verbringen möchte.
Aber macht euch frei von dem Druck, in jeder freien Minute schreiben (in meinem Fall) zu müssen.
Wenn ihr einen Tagesplan macht, dann plant wirklich auch
Freizeit ein. Echte Freizeit, in der ihr nur die Seele baumeln lasst, egal wie. Nicht hinschreiben »18-20 Uhr: frei/schreiben«.
Echte Freizeit planen und genießen.
Ihr habt sie euch verdient.

Grüße
Stephan


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